Wenn ein Mensch stirbt, versinkt mit ihm eine ganze Welt und nur wenige können darüber berichten. Ich berichte hier über Milada, die letzte, meiner Verwandten, die noch die Welt meiner Kindheit gekannt hat.

Meine Tante Milada und und mein Onkel Ludwig waren in den 50er Jahren regelmäßige Besucher der Pfarrwiese. Hier ist ein Bild von ihrer Hochzeit aus dem Jahr 1957:

1957- Fiala_Ludvik_Milada(Kostal) Hochzeit_0012

Sie waren beide begeisterte Volleyball-Spieler (meine Tante schaffte es sogar in die österreichische Nationalmannschaft) und Miladas Schulfreund Walter Zeman war einer der Stars der damaligen Rapid-Mannschaft, ein wichtiges Motiv für ihre Besuche auf der Pfarrwiese. Sie erzählte mir, dass Walter als Schüler täglich von einem Bus aus dem Süden Wiens (Vösendorf) in die tschechische Schule gebracht wurde. Walter Zeman gehörte wie auch die Fialas der tschechischen Minderheit in Wien an. Die Tschechen betreiben in Wien für ihre Kinder seit mehr als 100 Jahren Schulen mit tschechischer Unterrichtssprache.

Es war nicht untypisch für die damalige Wiederaufbaugeneration, dass sich die junge Familie ihre Besuche am Fußballplatz nach und nach einstellte und sich mehr den eigenen sportlichen Aktivitäten und dem Beruf zuwandte.


Es muss um das Jahr 2008 gewesen sein. als neben unseren Abositzen in St. Hanappi ein Platz frei geworden ist und Florian und ich beschlossen, diesen Platz unserer Tante zu schenken, weil wir wussten, dass sie eine besondere Nähe zu Rapid hatte. Und so war es. Wenigstens vier Jahre lang besuchte sie mit uns jedes Heimspiel von Rapid. Sie fühlte sich in dieser Umgebung wirklich in ihre Jugend zurückversetzt. Hier ein Bild vom 1. August 2010 vom Spiel Rapid-RedBull (2:1) auf den Stiegen vom Abgang 4 im Hanappi-Stadion. (vlnr.: Franz, Milada, Florian)

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Eine schwere und für asketische Sportler völlig untypische Venenerkrankung beendete im Sommer 2012 unsere gemeinsamen Besuche. Immer wieder brachte ich sie ins Spital und versorgte sie seither.


Um den ersten April 2016 besuchte ich sie im Pflegeheim Obezellergasse. Sie war nach einem Oberschenkelhalsbruch und einer Beinamputation schon sehr geschwächt und hat mich nicht mehr erkannt. Ich wusste nicht recht, was ich ihr sagen sollte.

In diesen Tagen arbeitete ich auch an meiner Bildersammlung und dazu gehören auch historische Bilder von Rapid-Spielern.

Ich suchte daher bei meinem Besuch auf meinem Handy die Bilder-Seite und dort ihren ehemaligen Mitschüler Walter und zeigte ihr das Bild. Hier ist der direkte Link zu dieser Seite.

Zeman Walter

Sie erkannte ihn sofort und sagte wie aus einem Traum: „Ja, das ist der Walter Zeman.“ Sonst sagte sie nichts mehr. Es war das letzte, was ich von ihr gehört habe.