Das Wort „fotrová“ ist einer meiner Hits aus dem Bereich des Kuchl-Böhmisch aus Wien, genauer gesagt ist es eine Wortschöpfung meiner Tante Milly. Das Wort gehörte zum Wortschatz der Pohan und ist sonst völlig unbekannt. Aber in unserer Familie war es ganz klar, was gemeint war, wenn meine Tante die „fotrová besucht hat.

Die Vorgeschichte

Fünf Schwestern und ein Bruder Pohan kamen aus Mähren nach Wien und holten schließlich auch ihre betagte Mutter Barbara in die Reichshauptstadt. Božena heiratete einen Beamten, Ludmilla und Anna je einen Schneidermeister, Maria eines einen Lebensmittelhändler und meine Großmutter Julie einen Schlosser.

Hier geht es um Maria Pohan, meine Großtante. So etwa schaute das damals aus, wenn im Jahr 1905 geheiratet wurde: Josef Peksa und Maria Pohan.

Familie Peksa betrieb ein Lebensmittelgeschäft in der Hauffgasse 12.

Es könnte so um 1912 gewesen sein, als sich Maria mit ihrer Tochter Ludmilla (Miluška, Milly) fotografieren ließ:

Aus dieser Zeit ist mir eine Erzählung bekannt, an die sich meine Tante zeitlebens gut erinnern konnte, auf „den Komet“. Es war im Jahr 1910 und die Peksas wohnten in der Sedlitzkygasse 40, Ecke Grillgasse. Aus einem der Eckfenster des Hauses konnte die fünfjährige Miluška die eindrucksvolle Erscheinung des Halley’schen Kometen bestaunen.

Miluškas Mutter Maria starb 1933 im 51. Lebensjahr. Ihr Vater Josef heiratete ein zweites Mal. Seine zweite Frau Theresia verstarb 1945 im 66. Lebensjahr. Er heiratete ein drittes Mal Therese Auer. Diese Therese war dann also die Stiefmutter meiner Tante. Nach dem Tod ihres Vaters Josef 1950 besuchte sie meine Tante Miluška regelmäßig in ihrem damaligen Wohnhaus in der Lorystraße 6. Ihre Stiefmutter Therese war etwa 15 Jahre älter. Eine Mutter-Tochter-Beziehung hat sich nicht entwickelt, es war eine eher sachliche und kamradschaftliche  Beziehung. Heute hätte meine Tante ihre Stiefmutter vielleicht „Lebensabschnittspartnerin meines Vaters“ genannt.

Da aber meine Tante praktisch ausschließlich in tschechischer Gesellschaft verkehrte, verstand sie es ebenso wie meine Großmutter deutsche Wörter im tschechischen Alltagssprech zu einzubauen. Der Ausdruck „Die Frau meines Vaters“ statt „Mutter“ wäre viel zu sperrig; es hieße etwa Mou otcovu manželku, was aber zuviel der Ehre gewesen wäre, also kürzte sie das genial ein, indem sie formulierte „Die meines Vaters“. Im Deutschen klingt das etwas sonderbar aber im Tschechischen passt das, wenn man statt „Vater“ (otec) das deutsche „Vater“ vertschechischt und es als „fotr“ ausspricht. Und „die (Frau) des Vaters“ ist dann eben „fotrová“. Die Artikel „die“ und „des“ sind im Tschechischen entbehrlich.

Weder ein Tscheche noch ein Wiener versteht, was hier gemeint sein könnte, denn die Endung „ová“ macht das eigentliche Wort „Vater“ = „fotr“ völlig unkenntlich.

Das war also eine dieser genialen Wortschöpfungen, die es vermieden hat, die Stiefmutter als „Mutter“ zu bezeichnen, ja nicht einmal „Frau des Vaters“ zu ihr zu sagen, sondern sie auf „die des Vaters“ reduzierte.

Das waren sie. die Therese (links) und meine Tante Miluška (rechts), ca. 1965.

Im Gespräch sprach meine Tante ihre Stiefmutter als Therese oder Resi an, nur wenn sie im Familienkreis über sie gesprochen hat, was sie eben die „fotrová“.