Tischerlrücken

Ich habe es zwar nicht selbst gemacht aber oft miterlebt, dass meine älteren Verwandten am Abend zusammengesessen sind, um das Tischerl-Orakel zu befragen. 

Jemand in der Runde stellte laut eine Frage und das Tischchen sollte für die Antwort „ja“ zum Beispiel einmal und für „nein“ dreimal klopfen. Es gab auch Fragen, die sich einer der Teilnehmer nur dachte (etwas sehr Persönliches etwa, was nicht alle wissen sollten). 

Es war sicher kein Taschenspielertrick irgendeines der Teilnehmer dabei, dazu haben die TeilnehmerInnen zu oft gewechselt und alle wollten sie nur etwas über sich, die Vergangenheit oder die Zukunft erfragen. Es waren vorwiegend Frauen beteiligt. 

Ich habe mich oft gefragt, warum sich der Tisch bewegt und die plausibelste Antwort ist folgende: Es muss eine gewisse Bereitschaft der Beteiligten vorhanden sein, an die Möglichkeit eine Bewegung zu glauben (und sie daher nicht versuchen, eine stattfindende Bewegung willentlich zu unterbinden). Wer immer in der Runde eine unbewusste Bewegung der Hände auslöst, die den Tisch nur unmerklich beeinflusst, diese Bewegung dürfte von den Teilnehmern unbewusst verstärkt werden, weil sie ja von allen gewollt ist. Aber niemand würde sagen, er habe die Bewegung ausgelöst, er hat nur einer bestehenden Bewegung nachgegeben. Das Bewusstsein dürfte uns in dieser Situation einen Streich spielen. Es kommt zu einer Art  kollektiven Handlung ohne persönliches Handlungsbewusstsein. 

Dass es sich aber um unerklärliche Phänomene handeln würde, das glaube ich nicht.

Die Antworten des Tisches interpretierte meine Mutter so: sie war sicher, dass der Tisch mit seinen Antworten, die Gefühle, die Wünsche, das Wissen der jeweils „stärksten“ Person widerspiegelt. Und war auch die Person, zu der sich das Tischchen geneigt hat. 

Eine wahre Begebenheit war folgende: in den Kriegsjahren war die wichtigste Frage, wann denn die Männer vom Fronteinsatz zurückkommen würden. Normalerweise hätte der Tisch die Anzahl der Monate oder Wochen durch mehrmaliges Neigen angezeigt, doch er blieb still. Erst als man nach Tagen fragte, neigte sich der Tisch ganz leicht. Man beendete zornig die Sitzung. Die Überraschung war aber, dass tatsächlich der Mann meiner Tante am nächsten Morgen vor der Tür stand, also nicht einmal einen Tag später, so wie es das Tischchen angezählt hat.

Wie man das nun interpretieren will, als Wunschdenken, Zufall oder eine Art Geschenk an die Tante (weil jemand in der Runde durch ein zufällig entgegengenommenes Telefonat oder durch einen anderen Soldaten vom bevorstehenden Heimaturlaub erfahren hat und die Tante damit überraschen wollte), das liegt natürlich im Dunkeln.

Aber wichtig ist, dass die Beteiligten an die Möglichkeit an einer Bewegung glauben und es auch zulassen. Meine Großmutter war ganz groß in dieser Disziplin. Sie fühlte sich für den Tod ihres Kindes im Ersten Weltkrieg verantwortlich und wollte über den Tisch Antworten auf diese und andere Fragen: bin ich schuld oder nicht? 

Ja und mein Großvater, ein großer Kritiker der ganzen Sache, hat sich als Hersteller eines extrem leichten und sehr hohen Tisches beteiligt. Als aber einmal dieser Tisch – der übrigens auch auf einem Bein tanzen konnte – nicht verfügbar war, hat es einen Ersatztisch gegeben, und mit dem hat es auch funktioniert, vielleicht nicht so elegant.

Das alles erlebte ich vor etwa 50 Jahren, als diese Welt meiner Verwandten noch existierte. Der Realismus der Jetztzeit lässt solche Freizeitbeschäftigungen nicht mehr zu. Ich beschäftige mich in diesen Tagen damit, die Stimmen meiner Eltern, die sich auf manchen Tonbandaufnahmen finden, zu archivieren, um noch einen kleinen Blick auf diese Zeit zu erhalten.