Abnehmende Fallzahlen, das Unterschreiten der 1.000er-Marke wirken beruhigend und wiegen uns in Sicherheit. Doch in der Welt der exponentiellen Verläufe werden Größenordnungen rasch überwunden und aus 100 wird schnell 1.000, und genau so schnell 10.000, wenn die Fallzahlen wieder steigen – und das tun sie gerade.

Die Behauptung, dass die Fallzahlen zunehmen steht aber im Widerspruch zu den Fernsehbildern, die von einer Abnahme sprechen. Und die Gesamtzahl der aktuell Erkrankten nimmt derzeit tatsächlich ab,

  • weil es vor einiger Zeit noch sehr viel mehr Erkrankte gab und diese sich wieder gesund melden und
  • weil durch die Hygienemaßnahmen weniger Infizierte dazukommen als vor einigen Wochen.

In dieser Bilanz aus Genesenen und Neuerkrankungen überwiegen derzeit noch die Genesenen, daher der Abwärtstrend der Erkranktenzahlen. Wenn aber der Berg der Erkrankten einmal abgebaut ist, dann verschwindet die Abnahme der Fallzahlen und das derzeit geringe Niveau der Neuinfektionen bleibt.

Gäbe es keine Neuerkrankungen mehr, würde die Epidemie in etwa 3 Wochen verschwunden sein.

Aber es gibt Neuerkrankungen. Ihre Zahl ist klein im Vergleich mit den früheren Fallzahlen und daher kommen sie uns vernachlässigbar vor. Irgendwann in diesen Tagen wird die Anzahl der täglich Genesenen mit jenen der neuen Fälle gleich sein. Der Berg der Erkrankten wird abgebaut sein und die neue Normalität nimmt ihren Lauf.

Unsere Sicht auf die Situation wird durch zwei Umstände getrübt:

Linearer Maßstab

Das Fernsehen liebt den linearen Maßstab. Aber das beobachtete Phänomen der Infektionszahlen folgt einer geometrischen Reihe mit ständig wechselnden Anstiegen, und dafür eignet sich die lineare Darstellung nicht und zwar vor allem, weil die kleinen Werte als vernachlässigbar erscheinen. Dass sie das aber nicht sind, können wir uns leicht vor Augen führen, weil ja die ganze Sache mit dem Corona-Virus mit einem eingeschleppten Fall begann, der sich dann eben exponentiell, also einer geometrischen Reihe folgend, vermehrt hat.

Der folgende Vergleich zeigt die heutige Situation der Fallzahlen in einer linearen und einer exponentiellen Darstellung:

Die lineare Darstellung suggeriert, dass die Zahl der Erkrankten praktisch auf Null zurückgeht., während die logarithmische Darstellung deutlich zeigt, dass der Abwärtstrend in diesen Tagen ein Ende hat aber keineswegs Null ist.

Es ist auch bemerkenswert, dass in der linearen Darstellung der Abstand zu dem Spitalslimit (dicke rote Linie) sehr groß erscheint, während sie im logarithmischen Maßstab gar nicht so groß ist. Der Grund ist, dass für geometrische Zahlenfolgen Abstände schrumpfen.

Streuung

Die täglichen Fallzahlen zeigen die Situation noch klarer.

In der linearen Darstellung nimmt man die heute geringen Fallzahlen nicht wahr, sie erscheinen vernachlässigbar. Man sieht in der logarithmischen Darstellung, dass bei geringen Fallzahlen die Streuung zunimmt. Leitet man aus den beobachteten Werten eine Prognose ab, ist diese Prognose mit einer großen Unsicherheit verbunden. Die eingezeichnete violette Trendlinie zeigt den Trend der letzten zwanzig Tage. Derzeit ist dieser Trend leicht negativ. (Der Trend ist in der linearen Darstellung praktisch nicht darstellbar.)

Trotz dieses chaotisch anmutenden Verlaufs, kann man aus diesen Fallzahlen einen wichtigen Trend ableiten. Die punktierte Trendlinie der letzten Tage wird in die Zukunft verlängert und daraus eine Prognose abgeleitet.

Prognose

Die täglichen Fallzahlen sind eine Funktion der aktiv Erkrankten und unseres Sozialverhaltens. Ohne zusätzliche Maßnahmen gibt es ein 30%iges tägliches Wachstum. Mit Babyelefant, Masken und Handhygiene kann die Zuwachsrate sehr weit reduziert werden, durch Schlendrian steigt sie wieder an.

Kann man an den Fallzahlen die Lockerungsmaßnahmen nachvollziehen?

Ja, das geht sehr gut! Verwendet man den Trend der Neuerkrankungen der letzten 20 Tage zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit, dann wäre eine Prognose verschieden ausgefallen. Die folgenden Prognosen für den 20. Juni zu verschiedenen Zeitpunkten zeigen, wie die schrittweisen Öffnungen den Verlauf der Epidemie beeinflusst haben.

Das letzte Bild vom 19.5. zeigt, was uns erwartet: eine Trendumkehr bei der Zahl der Erkrankten und ein nicht deutlich ausgeprägter Verlauf der Krankenzahlen.

Die folgende Tabelle zeigt die zu verschiedenen Zeitpunkten für den 20. Juni prognostizierten Fallzahlen

Prognose für 20. Juni
vor 4 Wochen    9 Fälle
vor 3 Wochen   95 Fälle
vor 2 Wochen  128 Fälle
vor 1 Woche   400 Fälle
heute (19.5.) 990 Fälle 

Hätten wir unser Verhalten der Osterzeit beibehalten, würden wir Mitte Juni nur mehr 9 Fälle beobachten. Nach jeder weiteren Woche kamen aber mehr Neuerkrankungen dazu und die Prognose verschlechterte sich wöchentlich. Betrachtet man die für 20 Juni prognostizierten Fälle, erhält man immer schlechter werdende Werte, weil wir unser Verhalten gegenüber der Osterwoche verändert haben. Daher haben die Neuerkrankungen durch die Lockerungen zugenommen. Nicht viel, aber genug, dass die große Regierungspartei sie als Wahlkampfmunition im „Kampf um Wien“ verwendet.

Man kann der Verlauf auch so interpretieren, dass die günstigen Prognosen vor vier Wochen dadurch bedingt waren, dass eben noch sehr viele Genesene für einen starken Negativtrend gesorgt haben und diese jetzt wegfallen.

Wie werden sich die Fallzahlen verändern?

Es werden weitere Lockerungen folgen, unsere Aufmerksamkeit wird abnehmen, die Fallzahlen werden zunehmen. Dem steht gegenüber, dass die Gesundheitsbehörten den Infektionen kriminologisch auf den Grund gehen und versuchen, das Wachstum zu bremsen.

Der Chef-Virologe der Charité Christian Drosten meinte, dass in der warmen Jahreszeit die Verbreitung des Virus gebremst werden könnte (Aufenthalt im Freien, rasches Austrocknen der Aerosole in der Luft) und dass im Herbst wieder eine größere Zunahme der Fallzahlen bevorstehen könnte, einfach, weil die allgemeine Wachsamkeit nachgelassen haben wird. Ja, so könnte es kommen.

Der Trend der Neuerkrankungen – ermittelt über einem Zeitraum von 20 Tagen – schwankt zwischen -2% und +2% täglicher Zunahme. Wenn wir diesen Trend in die Zukunft extrapolieren, gehen wir als Techniker immer vom ungünstigsten Fall aus und das wären 2% Zunahme – es kommen ja noch weitere Lockerungen auf uns zu. Wenn eine solche geringe Steigerung ungebremst über einen längeren Zeitpunkt wirken kann, ergibt sich folgendes (ungefähres) Bild der Fallzahlen.

24.5.    800 Fälle (von info.gesundheitsministerium.at)
 1.6.    930 Fälle
 1.9.  5.800 Fälle
1.12. 42.000 Fälle

Es geht in dieser Tabelle nun nicht darum, Angst zu machen. Die Tabelle will die Wirkung einer zwei prozentigen täglichen Steigerungsrate verdeutlichen. Würden diese Zahlen in dieser Form zutreffen, wären spätestens Ende des Sommers Gegenmaßnahmen angesagt.

Präsentation der Infektionszahlen

Die derzeitige Präsentation der Infektionszahlen im ORF enthält tendenziell die Botschaft „es ist alles paletti“, und das deshalb, weil man immer mit der Zeit vor Ostern vergleicht und natürlich schaut da das heutige Infektionsniveau gut aus. Aber diese Darstellung verleitet zu einem unangebrachten Optimismus.

Die Präsentation der Infektionszahlen sollte nicht mit einem Blick in die Vergangenheit erfolgen (also mit einer Darstellung der Zeit vor Ostern), sondern mit dem Hauptaugenmerk auf der Zukunft. Es sollte klar gemacht werden, dass auch nur geringe tägliche Zuwächse irgendwann nicht mehr bewältigbar sind. In der exponentiellen Welt sind auch zwei Prozent langfristig zu viel. Die Geschichte mit dem Schachbrett und den Reiskörnern kennen wir ja, und Corona ist nichts anderes.

Die Kurven im Beitrag stammen aus dem Prognoseprogramm CORINT.

Was ist überhaupt „dumm“? Wie erkennt man es?

Wenn Du die Zitate am Ende studierst, wirst Du finden, dass schon allein die Bewertung eines Dummen als solchen dumm ist.

Ich behaupte, dass jeder – auf seine Weise – dumm ist. Das sagt uns schon das französische Sprichwort, dass jeder der Trottel eines anderen ist (siehe weiter hinten). Bevor wir uns gegenseitig „Dummkopf“ nennen, kehren wir einmal vor der eigenen Tür.

Stell Dir vor, Du gehst aus der Wohnung und hast die Autoschlüssel vergessen. Das merkst Du erst, wenn Du vor dem Auto stehst. Man selbst würde ja nicht sagen, dass das dumm war, es war nur eine Unachtsamkeit. Aber mit der Dummheit ist das ganz genau so. Man merkt sie erst, wenn man vor einem Problem scheitert. Dann nämlich muss man es sich eingestehen, dass es Hürden gibt, die man (ohne weiteren Einsatz von Zeit und Lernaufwand) nicht überwinden kann. In dieser Sache ist man offenbar dumm.

Aber es ist nicht möglich, sich in allen Lebensbereichen ein Gescheiter zu sein, in den allermeisten Fällen tut man gut daran, sich mit Profis zu verbünden und sich einzugestehen, dass die das besser können.

Wir scheitern weniger oft, wenn wir uns nicht auf Experimente einlassen, wenn wir also etwas Bekanntes wiederholen, statt uns auf etwas Neues einzulassen. Mit jeder Wiederholung von Bekanntem steigern wir die Routine und auch unser Selbstvertrauen – das Selbstvertrauen der Dummen.

Nehmen wir aber Herausforderungen an und beschreiten neue Wege, scheitern wir oft, denn Lernen ist keine einfache Sache, Lernen erfordert, dass man sich verändert und das ist eben anstrengend. Um den richtigen Weg zu finden, benötigt es oft vieler Versuche, die alle erfolglos sind – bis auf den letzten, den erfolgreichen. Aber dem Erfolg sind viele Misserfolge vorausgegangen, die Zweifel haben entstehen lassen – die Zweifel der Lernenden.

Gegenteil der Dummheit

Ich würde der Dummheit nicht unbedingt eine „Gescheitheit“ gegenüberstellen, sondern eher Lernbereitschaft, die dazu geführt hat, dass man in einer Sache kompetent geworden ist, man ist ja nicht a priori gescheit. Apriori ist man nur dumm. In den allermeisten Dingen sind wir alle dumm, nur in den ureigensten Spezialgebieten haben wir so etwas wie eine Ahnung.

Dummheit und Intelligenz

Intelligenz kann nie schaden, oder doch? Wer weniger intelligent ist, aber auch „höhere Gipfel erklimmen“ will, muss sich dazu deutlich mehr anstrengen als seine intelligenteren Mitbewerber. Aber diese Anstrengung formt uns! Sie lehrt, dass man mit Anstrengung persönliche Grenzen überschreiten kann. Und so kann es passieren, dass der „Dümmere“ den Gipfel erreich und der „Intelligentere“ nicht.

Das hat auch mit Blondinenwitzen zu tun. Wer ein ansprechendes Äußeres besitzt, hat mehr Chancen. Das ist vielfach erwiesen, Er/Sie hat es nicht gelernt, für ein Ziel zu arbeiten, es ist ihm/ihr praktisch in den Schoß gefallen. Man könnte verkürzt sagen, dass ansprechendes Äußeres zur Dummheit verführt.

Ein tolles Filmdokument für den „Sieg der Dummheit über die Intelligenz“ sieht man in Staffel 6, Folge 6 „Teuflische Intelligenz“ der Columbo-Serie. In einem Club von Menschen mit einem hohen IQ passiert ein Mord und wurde von einem sehr intelligenten Menschen geplant und durchgeführt und man könnte der Meinung sein, dass eben diese überragende Intelligenz eine Aufklärung unmöglich macht. Columbo erklärt auch an einer Stelle, warum die Aufklärung dennoch möglich war, denn er könne sich eben mit Fleiß und Zeit Dinge erarbeiten, die ohne diesen Arbeitseinsatz nur den Hochintelligenten offen stehen.

Niemand ist ausgeschlossen

Es ist eine Eigenschaft der Dummheit, dass davon niemand ausgeschlossen ist, alle spielen auf irgendeine Weise mit – sogar Nobelpreisträger, wie man zuletzt am Beispiel von Peter Handke trefflich beobachten konnte. Unumstrittene Meisterwerke können neben größten Persönlichkeitsmängel in derselben Person zu Hause sein, wie man an den Interviews des Dichters ablesen kann.

Was ist Dummheit?

Dummheit erster Art

Das Leben bietet uns laufend zu lösende Rätsel an, denen wir uns stellen müssen. Man ist also aufgefordert, Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und dann danach zu handeln. Als dumm bezeichnet man jene, die diese Gesetzmäßigkeiten nicht erkennen. Da zu zählen dann auch alle Handlungen, die wegen dieser Fehlinterpretation gesetzt werden.

Dummheit zweiter Art

Jemand sucht und findet Gesetzmäßigkeiten, obwohl es keine gibt.

Peter R. Hofstätter

Diese Phänomen finden wir in der Esoterik, der Religion und es hat auch in einem Experiment seinen Niederschlag gefunden. In diesem Experiment werden Probanden aufgefordert, bei einem Glücksspielautomaten festzustellen, wie man zwei dort angebrachte Tasten betätigen muss, um zu einem höheren Gewinn zu kommen. Die Probanden stellen alle irgendeinen Zusammenhang her (offenbar weil ihnen das durch die Aufgabenstellung suggeriert wurde). Die Auflösung ist aber die, dass diese beiden Tasten mit dem Spiel überhaupt nicht in Verbindung stehen. Wir dürften also unser Weltbild mit Erklärungen ergänzen, die der Realität nicht entsprechen. Und wir stellen dabei Beziehungen zwischen Ereignissen her, zwischen denen keinerlei Beziehung besteht.

Dummheit und Selbstvertrauen

Interessanterweise besteht ein direkter, statistischer Zusammenhang zwischen diesen beiden Eigenschaften. Für diese – wahrscheinlich schon sehr alte Erkenntnis – gab es im Jahr 2000 sogar den Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie. (Dunning-Kruger-Effekt)

Das Selbstvertrauen, dass ein Unwissender aufbaut ist aber auch gleichzeitig ein Hindernis zur Überwindung dieses Unwissens.

Es gibt immer wieder Neues zu erlernen, sei es Facebook, ein Fahrkartenautomat, ein Führerschein oder ein Smartphone. Und natürlich gibt es Menschen, die diesen Neuerungen nicht gewachsen sind und scheitern.

Aber es gibt auch jene, die eine Neuerung ablehnen, weil sie aus Bequemlichkeit den Lernaufwand scheuen oder weil sie sich eingestehen müssten, etwas nicht zu wissen und diese Eingeständnis ihr Selbstvertrauen vermindern würde. Dann passiert es, dass sie dieses Neue als blöd hinstellen; man brauche das nicht, und daher müsse man sich keine Gedanken darüber machen.

Zitatsammlung

„Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher und die Gescheiten so voller Zweifel sind.“

Bertrand Russell

„Streite dich nie mit einem Dummkopf; es könnte sein, dass die Zuschauer den Unterschied nicht bemerken.“

Mark Twain

„Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind und ihre Stimmen genauso zählen wie unsere.“

Albert Einstein

Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“

René Descartes

„Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete. Er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht.“

Anselm Feuerbach

„Warum muß der Gerechte so viel leiden auf Erden? Warum muß Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst sich räkelt auf Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen?“

Heinrich Heine

Robert Musil benennt das Paradox, dass jeder, der über Dummheit spricht, voraussetzt, über den Dingen zu stehen, also klug zu sein, obwohl genau diese Anmaßung als Zeichen für Dummheit gilt. Über die Dummheit (Rede 1937)

Robert Musil

„On est toujours le con de quelqu’un.“ (Man ist immer der Trottel eines anderen.)

Jean Dion

Die Leut‘ san alle deppert, außer mir.

Georg Danzer

„Extreme Ansichten stammen oft von Menschen, die das Gefühl haben, komplexe Themen besser zu verstehen als sie es tun.“

Philip Fernbach

Die systematische fehlerhafte Neigung relativ inkompetenter Menschen bezeichnet, das eigene Wissen und Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen.

Dunning-Kruger-Effekt

Es gibt ein Gedicht, vielleicht ist es von Trude Marzik, jedenfalls wurde es von Heinz Conrads vorgetragen, welches diese Einschätzung der anderen am Beispiel eines Autofahrers, der diese in kritischen Situationen als „Trotteln“ apostrophiert, illustriert, treffend der Schlussreim, in dem der erzählende Beifahrer meint: „amoi mecht i mit an trottel foan“.

Heinz Conrads feat. Trude Marzik

Diskutiere nie mit Idioten! Sie holen dich auf ihr Niveau und schlagen dich dort mit Erfahrung! Warum viele radikale Gentechnikgegner ahnungslos sind

Hilfe, Hofer hat keinen Schafkäse mehr!

Nun, der Titel „Notstand“ ist zugegebenermaßen „etwas“ übertrieben, aber dass man wegen eines fehlenden Grundnahrungsmittels aus dem Süden Wiens einen Ausflug nach „Mordor“ machen muss, ist doch etwas ungewöhnlich.

Mordor

„Mordor“ bezeichnete DieTagespresse scherzhaft die Bezirke in Transdanubien im Artikel „Neustrukturierung fixiert: Häupl präsentiert zukünftige Wiener Bezirke“.

Hofer

Hofer ist unser Nahversorger in der Gudrunstraße wo früher eine LÖWA, dann ein Zielpunkt waren. Wir kaufen dort fast alles, sogar Computer und – bis vor etwa einem Monat – den Gaflenzer Schafmischkäse.

Eröffnungstag der Hofer-Filiale Gudrunstraße am 13.10.2016.

Schafkäse

Silvia stammt aus dem Mostviertel. Sie verbrachte dort ihre Jugendjahre und gemeinsam verbrachten wir dort viele schöne Jahre bei den Schwiegereltern, quasi in einem Fünf-Sterne-Hotel. Einer dieser Sterne wurde wegen des in dieser Gegend üblichen Schafkäses verliehen. Diesen Schafkäse gibt es nur im Mostviertel.

Mostviertler Schafkäse ist ein Weichkäse und wird in etwa 15 cm langen Rollen mit etwa 5 cm Durchmesser hergestellt. Diese Rollen werden in Salzlake gelagert, damit sie nicht austrocknen. In dieser Salzlake bleibt der Käse leicht vier Wochen frisch.

Zwei Rollen Schafmischkäse in einer Salzlake mit einem Schutzgas luftdicht verpackt

Der Käse ist sehr mild und kalorienarm (ca. 180 kCal/100g). Gewürzt mit Pfeffer und Salz ist er eine kulinarische Spezialität, die man sich von Zeit zu Zeit gönnen sollte.

In unserem Fall hat der Schafkäse auch eine nostalgische Komponente. Immer, wenn ich den Käse zum Mittagessen vorbereite, erinnert mich das an die vielen schönen Jahre im Mostviertel.

Im März 2019 war Schluss

Wir waren es gewöhnt, beim Hofer zumindest einmal pro Woche Gaflenzer Schaf(misch)käse mit Mohnweckerln aus dem Backshop zu kaufen. Zuerst verschwanden die Mohnweckerln aus dem Angebot. Gut, nehmen wir halt Semmeln. Doch dann, Anfang 2019 war auch der Käse weg. Nach einiger Suche fanden wir den Käse im Wurstregal. Doch das waren schon Vorboten des nahenden Endes, denn irgendwann im März war der Käse vollständig aus dem Angebot verschwunden.

Gaflezer Hofheuriger

Da uns dieser Käse so nahe steht, wollten wir herausfinden, wo man ihn sonst bekommen kann. Die Bezirkszeitung berichtete über 8000 Stück Schafkäse für ganz Österreich. Also besuchten wir die Homepage des Gaflenzer Hofheurigen.

Homepage des Gaflenzer Schafmischkäse

Die gute Nachricht ist, dass es den Hersteller wirklich an der angegebenen Adresse gibt.

Herr Aschauer, der Firmengründer, der also ganz Österreich mit diesem Spitzenprodukt versorgt hat, war auch etwas erstaunt, dass der Käse in Wien nicht erhältlich ist und erklärte uns, dass die Belieferung des Großraums von Wien von drei Hofer-Auslieferungslagern erfolgt: Stockerau (Nord-Ost), Loosdorf (West) und Trumau (Süd) und er vermutete, dass nur der Süden Wiens dieses Lieferproblem hat.

Acht Auslieferungslager von Hofer; Wien-Süd wird von Trumau beliefert,

Am Kagraner Platz

Wir überprüften den Tipp von Herrn Aschauer und besuchten mit der U1 die Hofer-Filiale am Kagraner Platz, und tatsächlich, dort gibt es unseren geliebten Schafkäse noch, und wir haben uns gleich eine Ration für die nächsten Wochen mitgenommen.

Gaflenzer Schafkäse im Regal der Hofer-Filiale „Kagraner Platz“
Schafkäse-Ration für drei Wochen

Verarmung

Unser Schafkäse (und auch die Mohnweckerln) sind dem Kampf um jeden Zentimeter im Regal der Supermärkte zum Opfer gefallen. Eigentlich dachte ich dass unsere türkisch-stämmigen Mitbürger für einen höheren Absatz des Schafkäses sorgen würden, aber da haben wir uns offenbar getäuscht, so bevorzugen wahrscheinlich die härteren, südländischen Arten. Dieser Kampf reduziert die Vielfalt der Produkte und ist eigentlich bedauerlich.

Eine Bitte an Hofer

Wir wünschen uns einfach unseren Schafkäse aus Gaflenz zurück – und auch sonst etwas mehr Stabilität im Angebot.

Ein toller Artikel!
Dennoch möchte ich – als ein Durch-und-Durch-Skeptiker mit einem Aspekt ergänzen, der der Homöopathie&Co etwas abgewinnen kann, das aber leider bei mir selbst nicht funktioniert, eben weil ich diesen Methoden ablehnend gegenüber stehe.
Bei der Betreuung meiner 88-jährigen Schwiegermutter bin ich oft in der Apotheke. Es kommt mir sonderbar vor, wenn ausgebildete Pharmazeuten ihren Kunden ohne Wimpernzucken Globuli verschreiben und dabei todernst irgendwelche Anweisungen geben, wann das zu nehmen sei und auf was sonst man achten müsse.
DoseOscillococcinum[1] (Bild Wikipedia, Artikel „Globuli“)
 
Die Apotheker absolvieren eine komplexe Ausbildung, die alle Informationen darüber vermittelt, was, wann wirkt und was nicht wirken kann. Und sie handeln bei einer solchen Beratung ganz gegen dieses Wissen. (Sie werden aber auch noch dadurch verunsichert, dass es auf den Hochschulen sogar Institute gibt, die sich mit „Alternativmedizin“ beschäftigen, die also Wissenschaftlichkeit vortäuschen, wo gar keine ist.)
 
Es gibt aber einen Grund, warum dieses System unterm Strich doch diese eine Wirkung hat, die des Placebo. Diese Wirkung ist messbar. Und sie ist teuer erkauft; extrem teuer. Diese Wirkung hat es, aber nur dann, wenn alle Beteiligten, von den empfehlenden Ärzten, der Werbung, dem Apotheker bei ihrer Behauptung bleiben und Wirkung versprochen wird (auch wenn keine da ist). Dieses Geflecht an (Schein-)Kompetenzen gibt dem Patienten die Möglichkeit, das Placebo auch anzunehmen.
 
Würde etwa ein Arzt sagen, dass er gegen eine berichtete Erkrankung nichts tun könne, er dann rote Kügelchen verabreicht, und dazusagt, dass gar keine Wirkstoffe enthalten sind, dann würde sich doch jeder Patient verarscht vorkommen.
 
Da aber der Arzt etwas (zum Beispiel rote Kügelchen) verschreibt, das wie ein Medikament ausschaut, einen Beipacktext enthält und mit ernster Mine verschrieben wird, glaubt der Patient an die Möglichkeit einer Verbesserung seines Zustandes, das Placebo wirkt.
 
Die Wirkung eines Placebos beruht auf Vertrauen.
 
Wer auf Homöopathie&Co wegen einer Einsicht in die Zusammenhänge nicht vertraut (also zum Beispiel Florian Freistetter und der Franz Fiala), dem kann durch dieses Placebo auch nicht geholfen werden. Das Vertrauen ist aber nur gegeben, wenn der Patient den Eindruck hat, er würde behandelt. Würde daher der Apotheker mit der Wahrheit herausrücken, dann würde er nicht nur einen Kunden sondern der Kunde auch noch die Wirkung dieses geringen Placeboeffekts verlieren.
 
Überspitzt gesagt gewinnen alle Jünger der „Alternativ-Medizin“ die Wirkung eines Placebos, etwas, das den Skeptikern entgeht.
 
Denn es genügt nicht, dass der Arzt in seinen Schrank greift und dem Patienten etwas (völlig Wirkungsloses) gibt. Es gehört dazu auch das seriös erscheinende Drumherum einer Scheinmedizin, bestehend aus Literatur, Institut, Berufsbezeichnungen, einer genau definierten Methode und einer ganzen Industrie, die diese Scheinmedizin vertritt.
 
Erst dann wirkt das Placebo, vorher nicht.

Ein aufsehenerregender Versuch einer Schülergruppe wird in N24 publiziert: Link Neuntklässler haben eine schädliche Wirkung von WLAN-Signalen auf Pflanzen festgestellt. Das Experiment der Jugendlichen macht im Netz die Runde. Londoner Wissenschaftler wollen es wiederholen. Die Schüler haben festgestellt, dass sie neben dem Handy schlechter schlafen können.

Die Frage ist, was man davon halten soll. Soll man ab sofort WLAN abdrehen und die Wohnung ab sofort verkabeln? Kann man zu einer solchen Publikation ganz allgemein Stellung beziehen?

Zur Methode

Diese Meldung erweckt den Anschein von Wissenschaftlichkeit. Schüler als Wissenschaftler (auch wenn im Text steht, dass es sich nicht um ein wissenschaftliches Experiment gehandelt hat).

Wissenschaft ist aber wie Fußball. Wenn man sich beteiligen will, muss man vom Fach sein.

Beispiel: Ein Spieler steht einen Meter vorm Tor – und schießt in die Wolken. Jeder zweite im Stadion sagt: „den hätte sogar ich verwandelt“. Das Problem: er steht nicht im Team und in der 70. Minute, in der die Szene spielte, wäre jeder dieser Möchtegern-Fußballer schon längst zusammengebrochen an der Outlinie gelegen. Weil er eben nicht „vom Fach“ ist.

Um in einer Disziplin mitreden zu können, muss man sich der Mühe unterziehen, sich auf das Niveau hochzuarbeiten, das dazu befähigt, reproduzierbare Versuche anzustellen. Man muss sich einem Selektionsprozess unterziehen, den durchaus nicht alle schaffen.

Warum ist nun dieser Versuch anzuzweifeln?

(1) Die Lobby der Strahlengegner verwenden jedes Argument, das ihnen hilft, auch wenn es an der Haaren herbeigezogen wird. Gegner von Elektromagnetischer Strahlung sind ähnlich wie Homöopaten, Esoteriker und Wünschelrutengeher. Sie meinen zu wissen, dass Strahlung schädlich sei, auch wenn sie in Intensitäten vorkommt, die sich weit unter jedem erlaubten Grenzwert bewegen.

(2) Wissenschaftler wollen ganz oben stehen (wie Bergsteiger, Fußballer, Künstler…) und würden keine Gelegenheit auslassen, diesen Zusammenhang zwischen Bestrahlung und Wachstum aufzuzeigen. Das liegt in der Natur der Methode: dem Zweifel an jeder Behauptung. Wenn es diesen Zusammenhang zwischen Strahlung und Pflanzenwachstum gäbe (und nicht nur den Wunsch jener, die das so wollen), dann wäre es längst bewiesen und akzeptiert. Ist es aber nicht.

(3) Dass eine Schülergruppe einen solchen Zusammenhang aufzeigt ist so, als würde ich sagen: „Ich gehe in der Fußgängerzone und finde 500 Euro“ (dieser Satz ist mit 99.9…%iger Wahrscheinlichkeit falsch, weil eben diesen Schein schon längt jemand vor mit gefunden hätte, ebenso wie ich nie den Hauptgewinn im Lotto machen werde) Schüler haben keinerlei Kompetenz in der Handhabung von Versuchen dieser Art, auch wenn sie von einem Lehrer angeleitet werden. Sie sind in der Position eines Möchtegern-Fußballers, der es den Profis zeigen will, wie leicht eigentlich ein Ball aus einem Meter Entfernung ins Tor befördert werden kann.

Und daher ist diese Meldung einfach nur ein Wunschdenken. Der Schüler, des Lehrers, der Antistrahlungs-Lobby, der Redaktion.

Zur Sache

Kann man auch etwas zur Sache selbst, also Wirkung von WLAN auf Organismen sagen? Aber ja! Die Wirkung niederfrequenter Elektromagnetischer Strahlung ist hinlänglich bekannt. Sie erzeugt bei ausreichender Intensität Wärme. Ausgenutzt wird das zum Beispiel bei Hochfrequenztherapie:

Die hier zur Anwendung kommenden Energien sind gigantisch im Vergleich mit dem, was WLAN oder Handy produzieren. Vor allem werden diese Resonatoren (Antennen) unmittelbar am Körper angebracht. Man kann vermuten, dass die Störstrahlung, die von diesen therapeutischen Antennen ausgeht, sogar noch im Kopfbereich des Patienten ein weit höheres Feld erzeugen als das WLAN könnte.

Was bewirken diese Bestrahlungen?
Sie bewirken, dass Wärme entsteht, ähnlich wie bei einem Mikrowellenherd. Interessant ist, dass die Eindringtiefe der Strahlung mit steigender Frequenz abnimmt und bei 2.5 GHz nur mehr 6 mm beträgt.

Elektromagnetische Strahlung erzeugt also Wärme. Frequenzen unmittelbar unterhalb des sichtbaren Lichts bezeichnet man als „Infrarot-Strahlung“, über den Frequenzen des sichtbaren Lichts wird die Strahlung zunehmend ionisierend und ist nicht Gegenstand der in der Funktechnik angewendeten Strahlung.

Wenn man nun einen WLAN-Sender in die Nähe von Pflanzen betreibt, wird es in den Pflanzen vermutlich auch zu einer Wärmeentwicklung kommen, die zu einer Austrocknung der Pflanze führt. Das ist nun aber nicht etwas Beunruhigendes. Man müsste es geradezu erwarten.

Über die Versuchsanordnung weiß man nicht viel. Stellt man die Pflanzen unmittelbar auf den WLAN-Sender (um die Strahlungsintensität zu erhöhen), muss man auch mit der normalen Abwärme des Geräts rechnen, die ebenso eine Austrocknung der Pflanzen zur Folge haben kann.

Empfehlenswert:
Elektromagnetische Felder im Alltag

Die Medienberichte sind voll von Berichten über schädliches Fastfood. McDonalds steht oft stellvertretend für eine ganze Branche und die Mitbewerber, andere Ketten aber auch Kebabs und Würstelstände sind froh, wenn die Breitseite der Kritik gegen den Platzhirschen abgefeuert wird.

Ich kann diese Kritik überhaupt nicht verstehen.

Seit etwa 22 Jahren besuche ich regelmäßig McDonalds-Restaurants. Ja, ich habe seither zugenommen aber mit diesen Besuchen hat das rein gar nichts zu tun. In diesen Jahren kann ich darüber berichten, dass diese Ketten außergewöhnlich lernfähig auf Änderungen in der Gesellschaft eingehen. Zum Beispiel wurden die Styroporverpackungen durch Kartons abgelöst, das eher nur ergänzende Salatangebot der ersten Jahre wurde durch eine viel größere Auswahl abgelöst und der früher wirklich kaum genießbare Kaffee ist fast schon einer aufkeimenden Kaffehaus-Kultur gewichen.

Wenn ich bein einem Würstelstand vorbeikomme, kann ich mich zwischen einem Würstel und einem anderen Würstel entscheiden.

Ich genieße es, beim Mäc einen Salat oder einen Veggie-Wrap und einen Orangensaft wählen zu können. während mein hungriger Sohn sich mit entsprechend mehr Kalorien eindeckt. Während bei ihm der Salat eine Ergänzung ist, ist er bei mir die Hauptmahlzeit und ich habe den Eindruck, dass ich dort durchaus in Einklang mit den Erkenntnissen der Nahrungs-Päpste essen kann.

Kann mich nicht erinnern, dass es dauernde Kampagnen gegen das Schweizer-Haus oder die Konditorei-Kette Aida geben würde obwohl diese Lokale mit ihren Speisen durchaus mit dem Ungesundheits-Faktor eines Mäc konkurrieren können.

Was soll das also?

Jeder kann um ein paar Euro Gemüse am Markt kaufen und sich in Salat ergehen. Eine freie Entscheidung. Noch ist ja ein Mäc kein Monopol.

Gesunde Ernährung ist nicht abhängig von den Gaststätten sondern von den Essgewohnheiten eines jeden Einzelnen.

Dasselbe Rindfleisch, das beim Mäc verteufelt wird, wird am Fleischpult der Supermärkte mit Gütesiegeln angepriesen. Warum werden die Pommes-Frittes beim Mäc verteufelt und im Gefrierschrank eines Supermarktes nicht? Wo bleiben da die Hüter der wahren Ernährungslehre?

Beobachten Sie einmal die Gäste in einem Mäc oder beim Tichy in Favoriten. Sie werden sehen, dass dort oft am selben Tisch dicke und dünne Menschen bei derselben „Sünde“ beisammen sitzen. Eigentlich hätte man sich erwartet, an diesen „sündhaften Orten überhaupt nur dicke Menschen anzutreffen, das ist aber nicht der Fall. Das eigene Körpergewicht hängt nicht davon ab, ob man zum McDonalds oder zum Tichy geht, sondern davon, welche Rolle Ernährung und Bewegung im Tagesablauf spielen.

Unter dem Motto: ich geh‘ zum Mäc und Du gehst zum Mäc. Warum bist Du dick?

Suchtgifte (Drogen) gelten im Allgemeinen als schädlich, viele sind grundsätzlich verboten. Dennoch werden manche Drogen wie zum Beispiel Koffein, Alkohol, Nikotin, Cannabis und andere toleriert, aber nicht alle Menschen können damit umgehen. In den westlichen Kulturen wird Alkohol toleriert, dagegen gilt in islamischen Ländern ein Alkoholverbot.

Alkohol und Abkochen als historische Überlebensstrategie

Warum ist bei uns Alkohol salonfähig?

Der Bruch mit der antiken Welt hatte auch so seine Schattenseiten. Die Körperfeindlichkeit des Christentums verschlechterte die Hygiene und die mangelhafte Trinkwasserqualität im Mittelalter führte zu bedrohlichen Seuchen. Weil aber Keime in alkoholischen Getränken abgetötet werden, war der Genuss von Bier, Wein und Most geradezu überlebenswichtig.

Zum Beispiel in Freistadt, dem Ort der heurigen Landesausstellung (und wohl auch in anderen Städten)
war im Mittelalter jedem Haushalt innerhalb der Stadtmauern das Bierbrauen erlaubt.

Bierbrauer sind stolz auf das älteste Lebensmittelgesetz der Welt(?), auf das Reinheitsgebot aus dem Jahr 1516.

Aufschrift im „Alt Heidelberger Brauhaus“

Im „Alt Heidelberger Brauhaus“ können die Gäste Tür lesen: „Der Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird und daß deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf“. Diese „Mehrfachverwendung“ desselben Wassers eines Baches oder Flusses illustriert die damaligen hygienischen Bedingungen.

In Asien dagegen war die Überlebensstrategie das Abkochen des Wassers und man erfand den Tee. Auch in Europa nahm seit dem Mittelalter der Konsum von gekochtem Tee und Kaffee zu, da das Abkochen ebenso wie früher der Alkohol keimtötend wirkte.

Warum in den islamischen Ländern die Wasserverunreinigung nicht eine so große Rolle gespielt hat, liegt möglicherweise an den seltenen Wasserstellen der Wüstengebiete,die ausschließlich zum Trinken verwendet wurden und daher dort das Wasser nicht verunreinigt war. Außerdem war der frühe Islam für seine hohe Reinlichkeit und seine medizinischen Errungenschaften berühmt und hatte dadurch möglicherweise von vornherein weniger Probleme mit verunreinigtem Wasser.

Alkohol und Lebensstil

Paracelsus meinte: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Fragt man einen Arzt, ob und wie viel man trinken darf, dann rät jener zu Rotwein und zu einem Achtel Liter pro Tag.

Man hat den Eindruck, als wäre diese Dosis von Alkohol eben jenes Quantum, das gerade noch nicht als Gift, sehr wohl aber als Medizin wirkt, warum auch immer.

Aber der Konsum einer geringen Menge Alkohols pro Tag zieht auch eine Grenze zwischen drei Arten von Menschen:

  • Enthaltsame, die gar keinen Alkohol konsumieren,
  • Abhängige, die (regelmäßig) mehr trinken und
  • Disziplinierte, die es schaffen, eben ein Achtel Wein pro Tag zu trinken (und nicht mehr)

Enthaltsame

Diese Gruppe hat wohl kein Alkoholproblem, sei es weil diese Menschen dem Islam angehören, weil sie Alkohol nicht mögen oder weil sie ihn fürchten. Diese Abstinenzler, können aber bezüglich ihres Suchtverhaltens nicht eingeschätzt werden, weil sie sich dem Akohol nicht aussetzen. Es kann also durchaus sein, dass sich in dieser „braven“ Guppe auch solche befinden, die zur Sucht neigen aber nur eben dem Alkohol entsagen.

Abhängige

Die zweite Gruppe lebt offensichtlich ungesund, ihr wäre vielleicht mit einem generellen Alkoholverbot zu helfen. Wenn man sich aber an die Auswüchse in der Prohibitionszeit in Amerika erinnert, dann kann man wohl an der Wirksamkeit zweifeln. Da diese Gruppe beim Alkohol nicht Maß halten kann, wird sie es bei anderen Gelegenheiten, zum Beispiel beim Rauchen oder beim Essen mehrheitlich auch nicht tun.
Und daher besteht bei dieser Gruppe größere Sorge um den Gesundheitszustand.

Disziplinierte

Die letzte Gruppe schafft es, sich der schädigenden Wirkung des Alkohols zu entziehen aber gleichzeitig nicht auf dessen Konsum zu verzichten und zeigt daher Disziplin in Fragen des Alkoholkonsums. Diese Disziplin offenbart einen Charakterzug, den diese Menschen wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit anderen Suchtmitteln zeigen werden. Und daher hat diese Gruppe für die Einschätzung ihrer gesundheitlichen Zukunft eine gute Prognose, weil sie generell diszipliniert ist.

Literatur

Ein Fußballfan beschwört den Fußballgott, die Bayern mögen doch gegen Aachen verlieren, damit Gerechtigkeit in der Welt einkehre. Leider wurde dieser Wunsch nicht erhört, das Wunder ist ausgeblieben.

Das erinnert mich an ein Plakat der Caritas: das nur folgenden Text enthält, geschrieben von zittriger Hand eines alten Menschen: „Über die Abwesenheit Gottes. Er ist nicht hier. Er hört mir nicht zu. Meine Schmerzen sind ihm egal.“

Also eine viel bessere Übereinstimmung der Leiden der Menschen an sich und der Leiden der Fußballfans gibt es ja schon fast gar nicht.

Die Pointe ist aber, dass dieser Schriftzug beim Plakat mit roter Schrift durchgestrichen ist und daneben in roter Schrift ein Hinweis auf die Caritas und das Hospiz-Rennweg ist.

Es ist irgendwie unerhört, dass die Kirche diese letzte Botschaft eines sterbenden Menschen als falsch darstellt. Ich meine, man muss den Satz so stehen lassen wie er war:

Die Leistungen der Caritas und der Diakonie will ich damit nicht schmälern. Aber mit Gott hat das nichts zu tun. Gott ist in den meisten Fällen nur eine Parabel für Machtansprüche, die man nur nicht ausspricht. Eine Legitimation.

Ich habe es zwar nicht selbst gemacht aber oft miterlebt, dass meine älteren Verwandten am Abend zusammengesessen sind, um das Tischerl-Orakel zu befragen. 

Jemand in der Runde stellte laut eine Frage und das Tischchen sollte für die Antwort „ja“ zum Beispiel einmal und für „nein“ dreimal klopfen. Es gab auch Fragen, die sich einer der Teilnehmer nur dachte (etwas sehr Persönliches etwa, was nicht alle wissen sollten). 

Es war sicher kein Taschenspielertrick irgendeines der Teilnehmer dabei, dazu haben die TeilnehmerInnen zu oft gewechselt und alle wollten sie nur etwas über sich, die Vergangenheit oder die Zukunft erfragen. Es waren vorwiegend Frauen beteiligt. 

Ich habe mich oft gefragt, warum sich der Tisch bewegt und die plausibelste Antwort ist folgende: Es muss eine gewisse Bereitschaft der Beteiligten vorhanden sein, an die Möglichkeit eine Bewegung zu glauben (und sie daher nicht versuchen, eine stattfindende Bewegung willentlich zu unterbinden). Wer immer in der Runde eine unbewusste Bewegung der Hände auslöst, die den Tisch nur unmerklich beeinflusst, diese Bewegung dürfte von den Teilnehmern unbewusst verstärkt werden, weil sie ja von allen gewollt ist. Aber niemand würde sagen, er habe die Bewegung ausgelöst, er hat nur einer bestehenden Bewegung nachgegeben. Das Bewusstsein dürfte uns in dieser Situation einen Streich spielen. Es kommt zu einer Art  kollektiven Handlung ohne persönliches Handlungsbewusstsein. 

Dass es sich aber um unerklärliche Phänomene handeln würde, das glaube ich nicht.

Die Antworten des Tisches interpretierte meine Mutter so: sie war sicher, dass der Tisch mit seinen Antworten, die Gefühle, die Wünsche, das Wissen der jeweils „stärksten“ Person widerspiegelt. Und war auch die Person, zu der sich das Tischchen geneigt hat. 

Eine wahre Begebenheit war folgende: in den Kriegsjahren war die wichtigste Frage, wann denn die Männer vom Fronteinsatz zurückkommen würden. Normalerweise hätte der Tisch die Anzahl der Monate oder Wochen durch mehrmaliges Neigen angezeigt, doch er blieb still. Erst als man nach Tagen fragte, neigte sich der Tisch ganz leicht. Man beendete zornig die Sitzung. Die Überraschung war aber, dass tatsächlich der Mann meiner Tante am nächsten Morgen vor der Tür stand, also nicht einmal einen Tag später, so wie es das Tischchen angezählt hat.

Wie man das nun interpretieren will, als Wunschdenken, Zufall oder eine Art Geschenk an die Tante (weil jemand in der Runde durch ein zufällig entgegengenommenes Telefonat oder durch einen anderen Soldaten vom bevorstehenden Heimaturlaub erfahren hat und die Tante damit überraschen wollte), das liegt natürlich im Dunkeln.

Aber wichtig ist, dass die Beteiligten an die Möglichkeit an einer Bewegung glauben und es auch zulassen. Meine Großmutter war ganz groß in dieser Disziplin. Sie fühlte sich für den Tod ihres Kindes im Ersten Weltkrieg verantwortlich und wollte über den Tisch Antworten auf diese und andere Fragen: bin ich schuld oder nicht? 

Ja und mein Großvater, ein großer Kritiker der ganzen Sache, hat sich als Hersteller eines extrem leichten und sehr hohen Tisches beteiligt. Als aber einmal dieser Tisch – der übrigens auch auf einem Bein tanzen konnte – nicht verfügbar war, hat es einen Ersatztisch gegeben, und mit dem hat es auch funktioniert, vielleicht nicht so elegant.

Das alles erlebte ich vor etwa 50 Jahren, als diese Welt meiner Verwandten noch existierte. Der Realismus der Jetztzeit lässt solche Freizeitbeschäftigungen nicht mehr zu. Ich beschäftige mich in diesen Tagen damit, die Stimmen meiner Eltern, die sich auf manchen Tonbandaufnahmen finden, zu archivieren, um noch einen kleinen Blick auf diese Zeit zu erhalten.