Die Weltbevölkerung wuchs von von 1804 von einer Milliarde Menschen auf zwei Milliarden im Jahr 1927. Ein Viertel davon lebte in Europa. Das ist eine Zunahme von 0,55% pro Jahr. Das klingt nicht nach viel, ist es aber: 1*1,0055126. Alles was wir in der Folge retrospektiv betrachten, ist eine Folge dieser Entwicklung.

Betrachten wir das Wachstum von Wien und Umgebung, kommen wir aber auf ganze andere Zahlen:

Landflucht

Die Bevölkerung von Wien wuchs von 400.000 im Jahr 1830 auf 2.000.000 im Jahr 1914. Und das ist mit 2 Prozent pro Jahr ein vier Mal so großes Wachstum als jenes der Gesamtbevölkerung. Der Grund ist die Urbanisierung durch Landflucht.

Man sieht, dass auch die Umlandgemeinden von Wien, diesem Wachstum folgen, wenn auch nicht so stark, die Gründe werden wir noch kennen lernen. Die kriegerischen Zeiten des 20. Jahrhunderts bewirken einen Rückgang der Bevölkerungszahlen. Heute finden wir uns heute wieder in einer Phase bedeutenden Bevölkerungswachstums. Damals wie heute wächst die Stadt durch Migration. Damals waren es Tschechen, heute sind es Türken.

Stadtflucht

Stadtflucht 1: Der plötzliche Bevölkerungsrückgang nach dem Ersten Weltkrieg ist einem Stadtflucht-Effekt zuzuschreiben. Einerseits sind die Lebensbedingungen in der großen Stadt sehr schlecht, das frühere Wachstum ist einem Stillstand gewichen, Armut ist die Folge. Anderseits locken die jungen Nationalstaaten ihre Bürger zurück in die neue Heimat, denn was es in Wien im Überfluss gibt, nämlich Verwaltungsbeamte und Fachkräfte, das fehlt in den neuen Metropolen der Nachfolgestaaten wie Prag der Monarchie.

Stadtflucht 2: Nach dem zweiten Weltkrieg gibt es einen neuerlichen Einbruch in den Bevölkerungszahlen von Wien und der Umlandgemeinden und wieder sind es die Kriegsfolgen einerseits und die gleichzeitigen Lockangebote für Wiener Tschechen, die verwaisten Sudetenländer zu besiedeln.

Stadtflucht 3: Das Wachstum von Vösendorf in den letzten 20 Jahren übersteigt das das Wachstum von Wien um das Doppelte. Der im 19. Jahrhundert aus dem Arbeiterproletariat geborene Sozialismus bescherte den untersten Bevölkerungsschichten bescheidenen Wohlstand. Wohlstand, der groß genug war, um seine eigene Wohnsituation selbst bestimmen zu können. Wohlstand und Mobilität ermöglichen es vielen Wienern, ihren Wohnsitz in eine Umlandgemeinde zu verlegen und das erklärt das Wachstum des Speckgürtels von Wien und anderer Großstädte.

Die Ursachen

Die Agrarproduktion wird schon im 18. Jahrhundert bedeutend gesteigert durch Fruchtwechselwirtschaft, Erweiterung von Anbauflächen, durch die Agrarwissenschaften, Stallfütterung, Zuchtverbesserung, Mechanisierung und Beginn der Düngerwirtschaft. Durch die Kommerzialisierung und Konkurrenz verarmte die Bevölkerung. Es gab immer mehr Lohnarbeiter, die sich entweder als Landarbeiter tätig ware oder in der Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse in die Städte abwanderten.

Beispiel: Mein Großvater Franz hatte noch zwei Geschwister. Der ältere Bruder Josef übernahm den (kleinen) Hof, die Schwester war kein Problem, die wurde verheiratet und der jüngere Bruder Franz durfte eine Schule besuchen. Damit hatte er zunächst etwas zu tun, allerdings brauchte man ihn als Schlosser nicht in der kleinen bäuerlichen Gemeinde und daher entschloss er sich, das Abenteuer in der großen Stadt zu wagen, Franz hatte großes Glück, eine Ausbildung zu haben, denn sonst wären aus sein Los die Ziegelgruben am Wienerberg gewesen.

Er besuchte die deutsche Bürgerschule in Brünn und hatte ein eher mäßigen Erfolg in der Schule. Sein Klasssenvorstand war ein „Karl Fiala“. Er hatte kein gutes Zeugnis, aber er hatte eines. Wer keine Ausbildung hatte, war schlechter dran, er musste Arbeiten annehmen, die gerade angeboten wurden.

Es klingt wie eine Win-Win-Situation, dass sich zwar die Einkommenssituation der Landbevölkerung zunehmend verschlechtert, aber gleichzeitig die Städte durch Bauprojekte sehr aufnahmefähig für Arbeitskräfte sind. In dieser Landflucht kommen aber die Arbeitssuchenden vom Regen in die Traufe, denn der ungeregelte Kapitalismus führt zu ihrer hemmungslosen Ausbeutung.

Wien ist anders

Dieses Phänomen der wirtschaftlich motivierten Umlandmigration war in allen europäischen Großstädten ganz ähnlich, und dennoch war die Situation Wien etwas anders, denn während in den vergleichbaren Metropolen London, Paris oder Berlin die in die Stadt strömende Landbevölkerung gleichsprachig war, kamen in Wien Arbeiter aus den anderssprachlichen Kronländern an, und diese wurden in der Residenzstadt wenig freundlich behandelt. Je prächtiger sich die Stadt im Lauf des Jahrhunderts präsentierte, desto größer schien gleichzeitig die Kluft zwischen den eingesessenen Wienern und den Neuankömmlingen zu sein. Der Assimillationsdruck war groß. Den Höhepunkt dieser Entwicklung war in der Amtszeit von Karl Lueger um 1900.

Wien ist voll von Projekten, wie etwa dem Abbruch der Stadtmauern, der Donauregulierung, dem Bahnbau und der Neugestaltung der Stadt, beginnend bei der Ringstraße und das Baumaterial dafür, die Ziegel, werden im Süden der Stadt in großem Stil abgebaut. Die Arbeiter dazu kommen überwiegend aus Böhmen und Mähren.

Dieser Schmelztiegel Wien einerseits ist aber auch gleichzeitig ein Pulverfass, denn die Nationalismen finden genau hier in Wien unter dem Eindruck der vielen Fremden den besten Nährboden. Man hat den Eindruck, als würde das Land wie die Titanic auf den unbemerkten Eisberg mit dem Namen Nationalismus auffahren; einem Nationalismus, den man in erster Linie den abfallenden Kronländern unterstellt, dem aber offenbar auch der Kaiser unterlegen ist, als er wegen der Tat eines Einzelnen dem Eindruck der Kränkung nachgibt und auf den roten Knopf des Untergangs  drückt.

Migration aus dem Umland erzeigt prekäre Verhältnisse, nicht nur in Wien, aber in Wien förderte die Migration der Tschechen die Nationalismen und gebar ein Pulverfass, das ein alter Mann zündete, weil er die Welt nicht mehr verstand.

Ziegelarbeiter sind ideale Gastarbeiter

Das Besondere an den Anforderungen an die Ziegelarbeiter ist, dass sie nur saisonal beschäftigt werden, weil wegen der gefrorenen Böden in der kalten Jahreszeit nicht gearbeitet werden kann. Sie werden daher im November in ihre Heimatgemeinden entlassen, denn sie dürfen in Wien arbeiten, bleiben dürfen sie aber nicht.

Heute würden sich viele solche Gastarbeiter wünschen, solche, die man für ein Projekt beschäftigt und dann wieder dorthin zurückschickt, von wo sie gekommen sind. Doch das funktioniert heute nicht und hat auch schon damals nicht funktioniert, denn man braucht Arbeiter (oder besser Arbeitssklaven) und bekommt Menschen mit Bedürfnissen.

Der Beschäftigtenstand der Wienerberger AG wird um 1870 mit 10.000 angegeben. Das ist eine große Zahl, doch im Vergleich mit der gesamten Zahl dieser „Wirtschaftsflüchtlimge“ in Wien und Umgebung doch nicht all zu groß. Wegen des saisonalen Charakters ihrer Beschäftigung und wegen ihrer Unterbringung unmittelbar am Arbeitsplatz werden diese Arbeiter wenig sesshaft und haben einen besonders schlechten Stand gegenüber ihrem als AG auftretenden Arbeitgeber.

Alle, die nicht in den Ziegeleien arbeiten, dürften das Leben in Wien weniger dramatisch empfunden haben. Als Beispiel möchte ich meine eigene Familie nennen.

Die Familie der Großmutter verlor bei einem Arbeitsunfall den alleinverdienenden Vater stand vor dem Nichts. Und Wien wurde ihre Rettungsinsel. Die Ankömmlinge waren vier Schwestern.  Junge Frauen suchten damals zwar auch Arbeit, mussten sie doch die Sprache lernen. Dazu eigneten sich die Berufe einer Näherin, Verkäuferin oder Wäscherin. Aber ihr eigentliches Ziel war „eine gute Partie“, am besten in der Gesellschaft des Kleingewerbes, also der Schneider, Schuster oder Gemischtwarenhändler. Aller vier Schwestern heirateten Kleingewerbetreibende und haben es „geschafft“.

Wie viele waren es?

Das ist eine spannende Frage, denn es kommt darauf an, wen man zählt. Das ist heute genau so. Wer heute durch die Favoritner Fußgängerzone spaziert, hat nicht den Eindruck, dass er sich in der zweitgrößten deutschen Stadt befindet und er würde den Anteil der Fremden als sehr hoch einschätzen.

Alle Gewerbe rund um den Bau waren saisonal. In 9 Monate hatte man Arbeit, im Winter war man arbeitslos. Die tschechischen Arbeitsmigranten reisten im November mehrheitlich wieder in ihre Heimatgemeinden zurück. Zufall oder nicht, die Volkszählungen fanden im Dezember statt, berücksichtigten also die Saisonarbeiter nicht.

Wer war Wiener und wer ein Tscheche? Der Assimilationsdruck war groß und die Eindeutschung begann beim Namen, bei der Umgangssprache und wegen der kulturellen Nähe der Tschechen zu den Wiener, konnte dieser Prozess schon in kürzester Zeit erfolgen, also jedenfalls in derselben Generation, oft aber schon in einem sehr kurzen Zeitraum. Der öffentliche Druck bewirkte angepasstes Verhalten und viele der damaligen Tschechen gaben Deutsch statt Tschechisch als Umgangssprache an, und Pospischil (statt Pospíšil) als Namen. Sie wollten dazugehören und passten sich an, sie waren nicht integriert – so wie man die dem Tschechischen weiter verhafteten – sondern sie waren assimiliert.

Wahrscheinlich sind auch die allermeisten Türken in der Favoritenstraße längst Österreicher und in vielen Fällen auch erfolgreich integriert, doch anders als die Tschechen von damals sind sie viel weniger assimiliert, kommen also viel weniger in familiären Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung.

Die Schätzungen gehen von etwa 300.000 Tschechen in Wien aus, vorwiegend in den Bezirken 3, 10, 11, 12, 15, 16 und 20. Auch heute ist die Verteilung etwa dieselbe. Damit war Wien die zweitgrößte tschechische Stadt nach Prag. Aber wie gesagt, ist diese Zahl eine Frage der Zählung und es kann durchaus sein, dass es viel mehr waren. Für diese These sprechen Spaziergänge durch die Wiener Friedhöfe, zum Beispiel jenen in Inzersdorf.