Mein Großvater František/Franz Kvaček kam im Frühjahr 1906 22jährig nach Wien und arbeitete zuerst als Schlosser in der Simmeringer Waggonfabrik. Er hatte in Mähren eine einschlägige Fachschule besucht. 

1913 heiratet er Julie Pohanová, muss aber bereits im August 1914 einrücken und kommt im Dezember 1914 in russische Kriegsgefangenschaft nach Omsk. Von dort kehrt er erst 1920 wieder zurück. Über die russische Gefangenschaft berichtet er viel Gutes. Als Slawe hat er sich dort gut verständigen können und durch sein handwerkliches Geschick hat er sich sicher beliebt gemacht. In diesen Tagen präferiert er die kommunistische Partei.

Von 1920 bis 1927 ist er dann Schlosser bei Felten Guilleaume und arbeitet ab 1927 im Geschäft seiner Frau mit. Vom Kommunismus hat er sich damals schon verabschiedet. Er tritt bereits als Hausbesitzer mit Anzug und goldener Uhr auf.

Als ich zum ersten Mal den „Bockerer“ sah, dachte ich gleich an meinen Großvater. So, als wäre er Pate gestanden für den Fleischermeister Bockerer. Wegen seines losen Mundwerks hatte die Familie Probleme mit Anzeigen bei der NSDAP, Daher schickt ihn meine Großmutter 1938 nach Kritzendorf. Er machte dort sein Hobby als Gärtner zum Beruf und aus dem Garten ein kleines Paradies. 

Nach dem Krieg sucht mein Großvater um die österreichische Staatsbürgerschaft an, wahrscheinlich auch unter dem Eindruck der Machtübernahme durch die Kommunisten in der damaligen CSR.

Nach Erzählungen meiner Tante Hanni, litt mein Großvater zeitlebens an Schluckbeschwerden, die er sich in der russischen Kälte zugezogen haben dürfte. Sie meinte, dass der Lungenkrebs bereits das ganze Leben in ihm gesteckt sei. Dazu kommt, dass meine Großvater ein großer Freund der Virginia-Zigarre war und auch das eine Rolle gespielt haben mag, dass er zu Weihnachten 1957 zu meiner Mutter sagte, dass das seine letzten Weihnachten wären.

Mein Großvater war in Gesellschaft das, was man einen Sunny-Boy nennen könnte. Immer lustig und der, um den sich alles dreht. Wenn aber die Gesellschaft verschwand, widmete er sich ohne Pause seinen Arbeiten. Als Schlosser, als Gärtner, als Wein- oder Obstbauer.

Seine Spezialität war eine besondere Bauform eines Schlosses, von dem er sehr viele Varianten herstellte. Keines dieser Schlösser war dem anderen gleich, alle hatten verschiedene Schlüssel, alle waren kleine Kunstwerke, denn jeder kleine Teil wurde aus Blechen oder einfach nur metallischen Abfällen, wenn es sein musste sogar aus Nägel, hergestellt.

Er hat aus Nichts Alles gemacht. Im Tschechischen sagt man „uďelat z hnoje bič“/“aus Mist eine Peitsche machen“. Er hat nur ganz grundlegende Rohstoffe gekauft, alles andere hat er daraus hergestellt. Diese Tendenz, etwas zu produzieren und es nicht kaufen wollen, das kann ich gut von meinem Großvater übernommen haben.

Seine letzte handwerkliche Arbeit war eine kunstvolle Wendeltreppe im neuen Geschäft meiner Eltern in der Grillgasse 35, die den Verkaufsraum mit dem Keller verband.

Artefakte

Als Erinnerung an seine Zeit bei Felten Guillaume haben wir zwei als Briefbeschwerer ausgeführte Seilstücke, die aus dem Riesenrad stammen sollen. Mein Großvater war mit der Fertigung dieser Seile für das Riesenrad beschäftigt; so wurde es erzählt. Wahrscheinlich aber ist, dass er zwar in der Seilerei tätig war und diese Seilerei tatsächlich beim Riesenrad-Bau involviert war aber in der Zeit des Eröffnung des Riesenrads 1895 war er noch in Mähren, denn da war er erst 12 Jahre alt.

In meinem Werkzeugschrank im Keller gibt es noch eine Menge Werkzeug, das durch seine Hände gegangen ist. In meinem Schreibtisch ist eine vom ihm selbst gemachte Schere. Auch eine selbst gefertigte Kaffeemühle, ganz aus Stahl und Messing gefertig, verchromt, haben wir von ihm. Leider hat niemand darauf geachtet, wenigstens eines seiner berühmten Schösser aufzubewahren.