Barbara Pohan, meine Urgroßmutter, 1914

Barbara Pohan, meine Urgroßmutter

29. Oktober 2009 Immer, wenn meine Frau und ich mit unserem Hund am Wienerberg spazieren gehen, erinnere ich mich an das Bild einer alten Frau mit Kopftuch, meiner Urgroßmutter, aufgenommen bei einem Fotografen in Mariazell, die Basilika im Hintergrund. Ohne die religiöse Symbolik könnte man die Frau glatt für eine Türkin von heute halten.

Ihr Beruf war Mutter, ihr Sohn und ihre vier Töchter waren bemüht, im Wien um 1900 Fuß zu fassen. Die Arbeits- und Wohnverhältnisse waren sehr schlecht und die Sehnsucht aus diesen Verhältnissen herauszukommen, war groß. Die Situation türkischer Einwanderer von Heute ist ganz ähnlich.

Während drei Töchter ihre Zukunft in einer zweckmäßigen gut bürgerlichen Partie suchten (Schneidermeister Tuma, Tischlermeister Tuschl, Lebensmittelhändler Peksa) war meine Großmutter Kvacek eine Selfmadefrau, vielleicht auch, weil sie sehr selbständig war und weniger in den Traditionen verhaftet, denn sie war die jüngste. Als einzige nahm sie das Leben selbst in die Hand und arbeitete als Verkäuferin in einer Konsumfiliale – und hatte Erfolg.

Konsum um 1900

Ein mehrsprachiger Konsum um 1900

Geschäft meiner Großmutter, Grillgasse 28, etwa 1938
Das letzte Geschäft meiner Großmutter

So, wie im linken Bild könnte das Geschäft ausgesehen haben, in dem sie ihre Karriere als Gemischtwarenhändlerin begann. Viel Deutsch musste man nicht können, denn die Kundschaft sprach ohnehin überwiegend Tschechisch. Auch die Gegend war dieselbe wie die der heutigen Türkengemeinde in Favoriten. Von der Verkäuferin bis zur Geschäftsinhaberin arbeitete sie sich hoch. Das Bild rechts aus den 1930er Jahren zeigt ihr letztes Geschäft in der Grillgasse 38.

Franz Kvacek in einem Schlosserbetrieb, 1905

Franz Kvacek als Schlossergehilfe

Ein Seilstück vom Riesenrad als Briefbeschwerer

Riesenradseil als Briefbeschwerer

Sie strebte Unabhängigkeit an und heiratete einen Schlosser, der in den 1890er Jahren für einen Firma arbeitete, die die Stahlseile für das Riesenrad herstellte. Das linke Bild zeigt die Belegschaft im Jahr 1906, also schon lange nach dem Riesenradbau. Das Bild rechs zeigt einen Briefbeschwerer, der aus einem dieser Seile hergestellt wurde.

Biergasthof Chadim

Biergasthof Chadim

Viele Tschechen arbeiteten in dieser Zeit am Wienerberg bei Dr. Chadim, dem Besitzer der dortigen Ziegelei. Man nannte Sie „Ziegelböhm“. Ein einziger Bau erinnert an diese Zeit, der heutige Biergasthof Chadim.

Damals diente das Haus als Geschäft, als Schule und auch als Veranstaltungsraum. Die Arbeiter kamen überwiegend aus Böhmen, Mähren und aus der Slowakei. Die Arbeitsbedingungen waren so schlimm, dass sie sowohl für Viktor Adler (Gründer der Sozialdemokratischen Partei) und auch für seinen Sohn Friedrich Adler zum Triebfeder ihrer Politik wurden. Nach Friedrich Adler ist ein Stüberl im Chadim benannt. Friedrich Adler hat übrigens 1916 den damaligen Ministerpräsidenten Karl Stürgkh ermordert, wurde zuerst zum Tode verurteilt, dann zu 18 Jahren Haft begnadigt und schließlich 1918 aus der Haft entlassen.

Meine Großeltern stammen ebenfalls aus Böhmen und Mähren und daher ist für mich das Chadim immer ein Symbol für die damaligen Lebensumstände. Dass mein Großvater ein Sympathisant der Kommunisten war, ist in dieser Zeit kaum verwunderlich. Meine Großmutter war ein unglaublich strebsame und fleißige Frau. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt aus diesem ungehobelten Schlosser ein brauchbares Mitglied der tschechischen Gemeinde zu machen. Meine Großeltern sprachen bis zuletzt kaum Deutsch. Das war auch nicht notwendig, denn ihr Leben spielte sich praktisch ausschließlich im Rahmen der Wiener Tschechen ab. Heute würde man sie wohl wegen mangelhafter Deutschkenntnisse ausweisen. Sie lebten in einer Parallelgesellschaft.

Um 1900 waren mehr als ein Viertel aller „Wiener“ eigentlich Tschechen. Der Umgangston der Zeitungen, der Bevölkerung war dem heutigen zum Verwechseln ähnlich. Ich wäre neugierig, ob Lueger oder Strache ein Rededuell am Viktor Adler Markt für sich entscheiden könnte. Es gab ganze Bezirksteile, insbesondere in Favoriten, wo man mit Tschechisch weiter kam als mit Deutsch.

Diese geschichtsträchtige Umgebung hat mich motiviert, meine Maturaklasse zum 43. Maturatreffen ins Chadim einzuladen.

Gut ein Drittel der Namen aus meiner Klasse könnten eine ähnliche Geschichte schreiben: Dočekal (erwartet), Dudek (Wiedehopf), Fiala (~violett), Hrdý (stolz), Hrubý (grob), Kratochvíl (Kurzweil), Křepella (Wachtel). Lesák (~wald), Ružko (Du Rose), Smetáček (~Schlagobers), Straka (Elster), Waclavicek (kleiner Wenzel), Hradecký (Schlossherr), Kostka (Würfel), Nevěs(ta) (~Braut), Žaloudek (Magen), Žila (gelebt).

Ich frage mich, warum sich die heutigen „Wiener“ so wenig daran erinnern, wie es ihren eigenen Vorfahren, die ebenfalls Zuwanderer waren, erging, wenn Sie über die heutigen türkischen Zuwanderer urteilen.

Genau so wie bei den globalen Konflikten im Irak oder in Afghanistan prallen hier zwei Wertesysteme aneinander und jeder meint, sein eigenes Wertesystem wäre das richtigere. Wenn ich auf der Straße einer anatolischen Großmutter begegne, scheint es mir, als würden ich in meiner eigenen Geschichte um Hundert Jahre zurückversetzt. Ich fürchte, dass ich meine Urgroßmutter genau so wenig verstehen würde wie die anatolische Kopftuchträgerin.

Jede Großstadt braucht Zuwanderer, um zu überleben oder zu wachsen. Was allein wir tun können, ist, die Herkunft der Zuwanderer zu steuern. Eher solche, die uns näher stehen auswählen. Aber genau das wird durch die Verweigerung der Arbeitsmöglichkeiten für die ehemaligen Ostländer (die uns eben näher stehen) verhindert.